Leseprobe aus „Schaumkämme“

Blumen für Polefki

Sein Handy klingelte. Am anderen Ende Elisabeth. „Hallo Töchterchen, warte mal kurz! Muss anhalten.“ Wilfried Wunderlich lenkte das Auto an den Straßenrand und stellte den Motor ab. „Was gibts denn?“
Elisabeth hatte in der Zeitung eine Anzeige gefunden. „Das könnte passen. Hast du die Telefonnummer?“
Elisabeth hatte. Sie trafen sich am Nachmittag. Er rief die Nummer an. „Sie können gleich kommen“, hatte die Frau gesagt. So fuhr Wunderlich in Begleitung seiner Tochter in die Straße am Hafen. Langsam fuhren sie, nach der Nummer 33 suchend. Elisabeth hatte das Haus schnell entdeckt. Die goldene Hausnummer war nicht zu übersehen. An dem rosafarbenen Haus neben der weinroten Tür ein ebenso weinroter Briefkasten. Die Türklinke aus poliertem Messing. Schnörkel. In der Tür-Nische übereinander drei Klingelknöpfe. „Polefki“ und ein zweiter Name in der Mitte. Wunderlich drückte auf den Knopf. Das Klingeln hörte er nicht. Doch wenige Augenblicke später erschien ein Frauenkopf am Fenster. Wunderlich erkannte unfrisierte, blonde Haare, die das beschattete Gesicht umgaben. „Ich komme runter“, hörte er. Dann schloss sich das Fenster.
Ein paar Augenblicke später hörte er das Drehen eines Schlüssels im Türschloss. Frau Polefki, die die Tür geöffnet hatte, ließ die Klinke nicht los, als sie Wilfried Wunderlich und seine Tochter bat einzutreten. Hinter ihnen schloss sie die Tür und drehte den Schlüssel im Schloss herum. „Ist bloß wegen der Nachbarin, die hat hier nichts zu suchen“, erklärte sie. „Ich gehe mal vor. ´s ist oben.“
Sie ging durch den Hausflur und stieg die Treppe hinauf. Essenduft durchzog die Luft. Sellerie und Porree. Zwei Wohnungstüren in der ersten Etage waren geöffnet. „Der will immer Suppe. Und immer mit Fleisch.“ Sie rümpfte die Nase. „…kocht immer für ein paar Tage. Immer.“
Wilfried Wunderlich betrachte die Frau. Er schätzte sie auf Mitte siebzig. Staksige Beine ragten unten aus der Kittelschürze. Sie steckten in roten Filzschuhen mit je einer gelben Bommel. Um den Hals trug sie eine schmale, goldene Kette, an der ein Rubin funkelte. An der linken Hand zwei Goldringe mit irgendwelchen Steinen. Die Kittelschürze orange und rosarot geblümt. Passend zu den Wänden. Goldfädchen glitzerten zwischen orange- und rosafarbenen Tapeten-Flocken. Gardinen in denselben Farben. Wunderlichs Stirn zog falten.
Oben öffnete sie die Tür. Elisabeth und ihr Vater betraten die winzige Küche: Gasherd, Spüle, zwei Hängeschränke, ein Waschbecken und eine Duschkabine mit Schiebetüren. „Alles, was man braucht“, sagte Frau Polefki mit ein wenig krächzender Stimme. Sie schob eine Falt-Tür auf und ging hindurch in den nächsten Raum. Orangefarbener Fußbodenbelag. Drei Meter mal vier Meter. Ein Fenster. Blick zum Garten. „Hier ist vormittags die Sonne. Und im Nachbarzimmer nachmittags.“ Die Tür mit einer durchscheinenden Scheibe. Sie sahen sich um. Derselbe Belag. Rosafarbene Gardinen. Lampe mit Ventilator.
„Über den Häusern geht die Sonne unter. Wann wollen Sie denn einziehen?“, fragte sie.
Elisabeth erkundigte sich nach der Toilette.
„Halbe Treppe tiefer. Könn´Se sich ansehen.“
Elisabeth sagte: „Mach ich.“ Und entfernte sich leise.
„Darf ich mal neugierig sein?“, fragte Frau Polefki. Was sind Sie denn von Beruf? S´ ist wegen der Miete. Die vom Amt überweisen ja nur aufs Konto.““
Wilfried mochte die Farben nicht. Nicht diese Töne und schon gar nicht in dieser Menge. Doch dass er so etwas erlebte, amüsierte ihn. Er antwortete geduldig. Er sei freiberuflich tätig, für alle, die seine Arbeit bezahlen. Darum arbeite er nicht mehr für die Zeitung. Frau Polefki schien damit zufrieden. Sie habe das Blatt schon lange abbestellt. Sie bot an, dass er sofort seine Sachen in der Wohnung aufbewahren könne. Er bekäme den Schlüssel. „Die Miete machen wir ab nächsten Ersten.“
Dass er die Wohnung beim Toilettengang verlassen müsste, störte ihn. Aber sie war sauber, alles war sauber und gepflegt. Nur eben rosa, orange oder gülden… „Ich überlegs mir“, sagte er, seiner Tochter einen Blick zuwerfend. „Muss noch was ausmessen.“
Elisabeth hatte sich um die Wohnung bemüht. Allein seinetwegen. Damit der Stress mit seiner Partnerin Claudia ein Ende findet. Heute „hüh“, morgen „hott“. Ein Mann in seinem Alter brauche auch mal ein wenig Ruhe, hatte sie gesagt. „In seinem Alter!“ Im Dezember würde er fünfundfünfzig. Andere legen da erst richtig los.
„Aber lassen Sie sich nicht zu viel Zeit“, hörte er Frau Polefki. „Spätestens übermorgen brauche ich Ihre Zusage, sonst gebe ich die Wohnung anderen!“
Klare Worte.
Als sie die Wohnung verließen, warf Wunderlich einen Blick aus dem Fenster des Treppenhauses. Er erblickte einen Garten mit Blumen- und Gemüsebeeten, Obstbäumen und mit einer rotfelligen Katze. Sie lag schlafend in der Sonne auf dem Schuppendach.
Trotz des Sellerie- und Porreedampfes im Treppenhaus war das Fenster geschlossen. Ob man es denn nicht öffnen könne, der besseren Luft wegen.
„Lassen Sie das mal lieber zu. Auf dem Fensterbrett stehen meine Kakteen, die kann ich doch nicht jedesmal wegräumen, wenn der kocht.“ Sie deutete mit dem Kopf auf die rechte Wohnungstür. „Und oben komme ich nicht ran.“
Elisabeth schmunzelte.
Vor der linken Wohnungstür lag ein grau befelltes Wesen. Rund wie eine Wurst und kaum länger, mit einer Stummelschnauze und winzigen Ohren. Offenbar war es Frau Polefkis Kuscheltier, das vor ihrer Wohnung auf sie wartete. Freudig wedelte es mit dem Schwanz und quiekte vor Hundeglück. „Das ist Regina, die alte Ratte, die will ihr Futter. … ist ein verwöhntes Vieh, will nur Gekochtes. Büchsenfutter lehnt sie ab.“
Wunderlich strich sich über die wenig gewordenen Haare. „Frau Polefki, ich melde mich. Bis dann.“
„Wenn sie kommen, passen Sie auf, lassen Sie sich nicht von der Nachbarin anquatschen!“, sagte Frau Polefki zum Abschied.
Im Auto grinsten sich Elisabeth und ihr Vater an.

— Auszug —